Lese-Tipp der Dorfbücherei

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Juli Zeh:  Unterleuten

Die Handlung spielt 2010 in dem brandenburgischen Dorf Unterleuten, eine Autostunde von Berlin entfernt. Die Bewohner müssen für Besorgungen nach Plausitz fahren. Im Dorf gab es keine Geschäfte, keinen Arzt, keinen Pfarrer, keine Post, keine Apotheke, keine Schule, keinen Bahnhof – es gab nicht einmal Kanalisation. Die Straßenbeleuchtung stammt noch aus DDR-Zeiten. Das einzig Neue ist eine 1998 gebaute Horizontalfilterbrunnenanlage, mit der die Wasserversorgung der Haushalte in Unterleuten vom Plausitzer Zweckverband abgekoppelt wurde.

Einen Polizeiposten benötigt man in Unterleuten nicht, denn die Bewohner regeln ihre Angelegenheiten untereinander. Das Machtgefüge und Beziehungsgeflecht bestehen aus einem Gefälligkeiten-Karussell. Jeder geleistete Gefallen stellte eine Investition in die Zukunft dar. Denn so lautete die Definition von Macht: die Möglichkeit, in Zukunft etwas von einem anderen zu verlangen.

Verblüffend ist die Unzuverlässigkeit des „Dorffunks“. Ständig glaubten alle, alles zu wissen, während in Wahrheit niemand im Bilde war. Statt miteinander zu reden, erfanden die Leute Geschichten, die sich weitererzählen ließen. Die vermeintliche Idylle hat sowohl Linda Franzen und Frederik Wachs als auch Jule Weiland und Gerhard Fließ nach Unterleuten gelockt.

Ein toller Roman. Eine Geschichte die alles hat. Ein bisschen Vergangenheitsbewältigung der DDR-Geschichte, ein paar Beziehungsprobleme, eine Spur Politik und Naturschutz, Machtmissbrauch und Manipulation, eine Prise Humor und Kapitalismuskritik. Die Autorin wechselt in jedem Kapitel die Perspektive, dadurch wird das Gesamtbild immer wieder erweitert. Guter Dorfklatsch vom Feinsten. Die Autorin findet treffsichere Formulierungen für immer wieder auftauchende Gesellschaftskritik wie z. B.

…Die jungen Leute von heute besaßen erstaunliche Talente. Zum Beispiel ungeheure Effizienz bei vollständiger Abwesenheit von Humor. Einem wie Pilz ging es nicht mehr ums gute Leben, es ging nicht einmal um Geld. Was diese Generation antrieb, war der unbedingte Wunsch, alles richtig zu machen. Keine Fehler zu begehen und dadurch unangreifbar zu werden.

…Wir leben in einer Welt, in der Ärzte das Gesundheitswesen zerstören. Universitäten zerstören das Wissen, Regierungen die Freiheit und Banken die Wirtschaft. Und Bauern die Natur.

…Die Krankenhäuser hatten sich in Gesundheitsfabriken verwandelt, in denen sich eine industrialisierte Medizin nicht um den Patienten, sondern um die Bettenrendite kümmerte […].

…Dass sich der Starke vor den Schwachen rechtfertigen soll, sagte Manfred Gortz, ist der faule Kern der demokratischen Idee.

… „Win-win sagen die Abzocker, wenn mehr als ein Schwein Platz am Trog findet“, erklärte Kron.

Ein richtig lesenswerter Roman bei dem jeder Dorfbewohner an der ein oder anderen Stelle wissend nicken kann 😊

Dieses Buch und viele, viele andere in unser Bökenförder Dorfbücherei.

 

Viel Spaß beim Lesen wünscht das Team der Dorfbücherei,

S. Royle und K. Hönemann

 

„Dorfbücherei“  immer  am Donnerstag  von 17: 00 – 18:00 Uhr und am Freitag von  10:00 – 12:00 Uhr im Pfarrheim Bökenförde.

 

 

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